Da heute nichts besonders passiert ist, wir haben uns Lisieux angeschaut, das uns aber nicht besonders angesprochen hat, so dass wir nach Besichtigung der imposanten Kathedrale einfach nur ein wenig über das Land gefahren sind, die "Pays d'Auge", und lecker Camembert und Cidre in Honfleur eingekauft haben, komme ich auf die versprochene Buchbesprechung von "Der Liebhaber" zurück. Ich habe es in einer Nacht gelesen, nicht weil es so spannend war, sondern so kurz. Wenigstens für mich. E voilà!
"Der Liebhaber" von Marguerite Duras
Mehr als 3 Seiten von diesem Schmachtfetzen habe ich nicht geschafft. Ich habe mir das Buch als e-book auf den Computer geladen, neugierig geworden durch die Konfrontation mit der Autorin Marguerite Duras in Trouville, wo sie einen Teil ihres Lebens verbracht hat.
Das Buch ist eine einzige Enttäuschung, für mich. Von anderen wird es ja hochgelobt.
Was soll ich sagen? Den Rest nach den 3 Seiten, 133 Seiten, in einem Rutsch geschrieben, ohne Kapitel, ohne Unterteilung, habe ich überflogen und fand ihn sterbenslangweilig. Es geht um ein 15-jähriges Mädchen, eine Französin, die in Saigon lebt, die einen reichen, chinesischen Studenten trifft, dessen Vater Milliardär ist. Der Student verliebt sich in das Mädchen, das Mädchen will endlich Frau werden, will von zu Hause ausbrechen, erwidert die Liebe nicht und sagt das dem Liebhaber auch deutlich. Das isses, über 136 Seiten lang. Beschreibung der Gefühle, der Gedanken, die hysterische Mutter, der böse Bruder, der liebe, kleine Bruder und wieder von vorne.
Seinerzeit galt es als ein Skandalbuch, ich glaube, weniger weil das Mädchen erst 15 war, damit war es geschlechtsreif und in vielen Regionen und geschichtlichen Epochen galt und gilt ein Mädchen damit als alt genug, um zu heiraten, Sex zu haben und Kinder zu bekommen, sondern wohl eher, weil das Mädchen so direkt und unverblümt das Kommando in der Beziehung führt. Der Chinese ist eher das Werkzeug für sie, um sie in die Geheimnisse und Genüsse der körperlichen Liebe einzuführen. Das wird aber nur eher dezent beschrieben und angedeutet, nicht vergleichbar mit dem, wie heute mit dem Thema umgegangen wird.
Ich fühle mich überfordert, dieses Buch, angeblich ein Stück Weltliteratur, angemessen zu beurteilen und sage ganz subjektiv: ob und wie es die beiden miteinander treiben, interessiert mich so sehr, als wenn in China ein Sack Reis umfällt.
Viel faszinierender finde ich das tatsächliche Leben der Duras. Man kann das in Kurzform in Wikipedia nachlesen, die Resistance, der Verrat an die Gestapo, die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei, der Rauswurf, die Liebschaften und offenen Beziehungen, das offene Haus mit Intellektuellen der verschiedensten Art. Sie kauft Wohnungen, die sie nie bezieht, sie hat einen jungen Liebhaber, der homosexuell ist, sie schreibt 54 Romane und arbeitet wie besessen.
Die erwähnte, abgedruckte Sendung im Deutschlandfunk ist ausführliche als Wikipedia, beschreibt ihr Leben anschaulich. Die Sendung bezieht ihre Weisheiten wiederum aus einer Biografie von Laure Adler. Danach führte ein älterer Vietnamese sie mit 4 Jahren "in die Sexualität ein", vielleicht war es auch ihr Bruder, und ihre Mutter bot sie mit 14 Jahren Männern an, um Geld für die Spielsucht des Bruders aufzutreiben. Der Chinese, den es tatsächlich gab, war ein häßlicher, entstellter Mann, den sie ausnutzten, um an sein Geld zu kommen. M. Duras stellt sich aber nicht als Opfer dar, sondern genießt die Zuwendung und Bewunderung, sieht es als positiv an, dass sie begehrt wird. Bemerkenswert, dass heute Feministinnen die Duras für sich beanspruchen, bei denen die Frauen sonst meistens Opfer sind und die Bewunderung und Beschreibung weiblicher Schönheit sofort als Sexismus und Macho-Gehabe gebranntmarkt wird.
Was mich besonders beschäftigt: Es wird wiederholt gesagt, dass sie in der Zeit in Trouville täglich 6-8 Liter billigen Rotwein getrunken hat. Ist das möglich? Sie war eine kleine, früher leichte und grazile Frau. Rein mengenmäßig ist es schon schwer vorstellbar, 8 Liter Flüssigkeit am Tag aufzunehmen. Und dann noch Rotwein.
Ich habe mal 4 Maß Bier getrunken, da war ich restlos hinüber. Ich war damals, es war 1982, schon groß und schwer und hatte zuvor gut gegessen und überhaupt regelmäßig getrunken, war also Alkohol gewohnt. Und dann eine so kleine Person regelmäßig die doppelte Menge? Sie hatte mit 50 eine Leberzirrose (kann die wieder verschwinden?), ging dann aber im Mai 68 noch mit auf die Straße, um mit den Studenten zu demonstrieren. Trotz dieses Alkoholkonsums, und verschiedenerEntziehungskuren, stirbt sie erst 1996, also mit 82 Jahren. "Dieser Absturz war genußvoll", wird sie zitiert als sie nach einer Entziehungskur wieder bei ihren 6-8 Litern landet. Auch hier keine Reue, sondern Bekenntnis zu dem, was passiert ist.
Sagenhaft, das klingt alles wesentlich interessanter als das Buch für das sie berühmt wurde. Aber, die Geschmäcker sind verschieden und vielleicht finden manche die Gefühlswelt, die im "Liebhaber" ausgebreitet wird, ja doch anrührend, fesselnd, ergreifend, erhaben, sinnlich, rauschhaft, also lesenswert? Dann bitte, lesen. Das Buch gibt es noch.
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