Sonntag, 13. August 2017

4. Tag Den Helder

Der Knöchel von Vera ist dick angeschwollen, das Auftreten fällt ihr schwer. In Enkuizen ist Sonntag (wie überall) und Markt. Es sieht nett aus, die Stände und Buden am Hafenufer aufgereiht, dahinter in der 2. Reihe sozusagen, die Cafés und Restaurants, wo viele Menschen in der Sonne sitzen. Der Yacht-Hafen ist wieder gut gefüllt, auf den Booten herrscht reges Treiben. Man kommt, man geht, man sitzt beisammen und quatscht. Also insgesamt eine lebhafte, sonntägliche, entspannte Szenerie.

Nicht für uns aus besagtem Grund. Wir bräuchten einen Rollstuhl, dann könnte ich Vera über den Markt schieben. Haben wir aber nicht, aber ein Auto, das weit hinten am hintersten Winkel des Bahnhofparkplatzes steht. Ich radele hin, pack das Rad ein, quäle mich mit dem dicken Ding durch die engen Gassen und hole Vera vor der Haustür ab.

Wir fahren nach Den Helder. Das ist der nördlichste Punkt der Niederlande, also des Festlandes. Gegenüber liegt die Insel Texel.

Wir fahren bei Sonnenschein und frischen Temperaturen, 17, 18 Grad, durch das immer flache Land. Wiesen, Felder, Kühe, Schafe, riesige Lagerhallen, Wohnbebauung wechseln sich ab. Dazwischen viel Wasser, kleine Grachten, Bäche, Tümpel. Manche Wasserläufe sind von Büschen und Bäumen fast zugewachsen, andere liegen nackt und bloß in der Landschaft. Sind es Verbindungswege zu Wasser zwischen den Orten? Oder der Tatsache geschuldet, dass das Land bis zu 5 Metern unter dem Meeresspiegel liegt und das Wasser irgendwo hin muß?

Die Wohnbebauung ist wenig spekakulär. Enkhuizen ist schon eine schöne Ausnahme. Die Orte sind meist lang gezogen, zerstreute Bebauung, der Ortskern besteht aus einer neumodischen Einkaufstraße mit wenigen Geschäften. Eine Ortsmitte im eigentlichen Sinne gibt es selten, kein organisches Wachstum, so von der Kirche ausgehend, sich langsam in Ringen erweiternd. Nein, Reißbrettplanungen.

Den Helder ist auch keine Schönheit. Sehr funktional alles, die Verbindung nach Texel scheint der zentrale Platz zu sein, aber da sammeln sich die Autos, die auf die Fähre warten, die häufig fahren, eine fährt ab, da kommt schon die nächste. Viel Stein, große betonierte Flächen, auch der Strand ist an dieser Stelle flächendeckend asphaltiert, zum Schutz gegen die Flut.

Aber trotzdem: der Wind weht, zerwühlt die Haare, die Sonne scheint, das Wasser glitzert und dehnt sich bis zum Horizont. An der Spitze, ich glaube, die Holländer nennen es "Landskron" (ich kann es nicht überprüfen, kein Internet) stehen ein großer, mächtiger, roter Leuchtturm und befindet sich ein Restaurant. Dort trinken wir "een biertje" und essen den unvermeidlichen Sandwich, der aber wider Erwarten üppig ist und gut schmeckt. Es gibt immer nur Sandwich oder Burger oder Pfannkuchen, manchmal Kipeling, also Fisch, sehr einfallsreich ist die holländische Küche insgesamt nicht.

Ich laufe zum Parkplatz und hole Vera mit dem Bus von der Gaststätte ab. Sie kann immer noch nur humpeln.

Wir fahren weiter nach Alkmaar. Eine widersprüchliche Stadt. Total modern, kalt, funktional, wenn man sich ihr nähert. Es gibt laut Verkehrsschildern zwei Zentren. Und dann findet man doch noch einen breiten Grünstreifen, einen Park, wo viele Leute spazieren gehen oder Bootchen fahren und eine historische Altstadt. Da findet gegenüber der mächtigen Kirche ein Rockkonzert im Freien statt. Groß herumlaufen können wir nicht.

Wir setzen uns in ein Café und hören der Musik zu, die uns zu laut und elektronisch ist. Aber gut, wenn es den Alkmaarern gefällt.

Zwei älter Frauen, also in meinem Alter, sitzen am Nachbartisch. Irgendwie beäugen sie mich (uns?), die eine, Typ verhärmte intellektuelle Hungerharke, die andere sieht auch nicht besser aus, schaut mir direkt in die Augen und fixiert mich. Nach flirten sieht das nicht aus.

Dann stehen die beiden auf und wollen gehen. Der Hungerharke fällt ihre Jeansjacke auf den Boden. Ich schaue sie an, sie reagiert nicht. Da stehe ich auf und will die Jacke aufheben und sie ihr reichen. Schnell bückt sie sich, schnappt sich die Jacke, faucht mich an, sagt irgendetwas auf niederländisch, was nicht zu verstehen ist und geht. Ich bin verdaddert und steh mit offenem Mund sprachlos da. Was war das denn?
Böse Holländer.

Als wir zum Auto zurückkehren, steht gerade eine Politesse davor und schreibt uns auf. Ich renne hin. Eine junge Frau, sie mustert mich kritisch. Ich erkläre ihr, dass es uns nicht möglich war, einen Parkschein zu ziehen, da der Automat kein Geld nimmt, nur Kreditkarten, das sei bei uns anders, wir hätten das nicht gewußt (was beides stimmt). Sie versteht aber kein deutsch. Ich erkläre es ihr mit meinem besten englisch, was ihr ein Lächeln abnötigt. Dann erklärt sie mir, wo wir parken können, gibt mir einen kleinen Stadtplan in die Hand und drückt mir den Strafzettel in die Hand. Kosten: 0 Euro.
Nette Holländer.


Den Helder, die Insel Texel ist in Sichtweite

Der Strand mal anders, nämlich asphaltiert

Einen tollen Leuchtturm haben sie hier


Da irgendwo liegt Norwegen. Oder England. Oder Island.

Das Schönste an Den Helder: Der Leuchtturm

Direkt am Deich befindet sich das Büro eines Immobilienmaklers

Vera wartet, dass ich sie abhole. Aber sie ist gut gelaunt, der Wind, die gute Luft, die Sonne, die Wolken ...

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